Am Dienstag, den 6. Mai, war es endlich soweit. Nach knapp 4- oder 5-monatiger Arbeits- bzw. Wartezeit wurde der von Martin “PeeWee” Cordemann initiierte Fortsetzungsroman im Café Duddel gelesen. Daran beteiligt waren, sage und schreibe, 29 Autoren mit insgesamt 28 Kapiteln. Der ganze Spaß dauerte brutto 4,5 Stunden und, es sei angemerkt, ein großer Teil hat es bis zum Ende geschafft dabei zu bleiben.
Nun kurz zum Rahmen der ganzen Geschichte: jeder Autor kannte nur das Kapitel, das vor ihm geschrieben wurde. Für den Schreibprozess gab es ein paar Vorgaben, u. a. den Lehrer Albert Zecher, den durch die Altstadt fließenden Fluss, die Umsetzung des Satzes “…und er zog den Gürtel etwas enger…”. So weit, so gut!
Wie erwartet, ergaben sich daraus natürlich etliche Handlungsstränge und es war auch nicht vermeidbar, dass Albert Zecher mehrmals starb und wieder auferstand, vorher nicht einschlief und trotzdem aufwachte. Auch blieben einige spannende Fragen offen. Was hatte es eigentlich mit Kathi Berg auf sich? Und was ist mit Fridolin alias Frolic und seiner geerbten Litfasssäule passiert? Wie dem auch sei, mit ein wenig Phantasie war der ganze Abend ein voller und vor allem humorvoller Erfolg.
Nun an dieser Stelle mein Beitrag, Kapitel 3.
„Ja, hallo, mit wem habe ich denn das Vergnügen?“, fragte diese Stimme ihn.
Fridolin war erstarrt. Diese nebulöse Stimme ließ ihn plötzlich vergessen, weshalb er die Nummer dieser Frau überhaupt gewählt hatte. Nichts war mehr, wie es einmal schien. Sein Blick prallte auf das kristallene Wasser des Flusses, der ihm zum ersten Mal in seinem Leben nichts zu sagen hatte. Schon von klein auf begleitete ihn dieser Fluss, der immer schon mehr von ihm gewusst hatte als Fridolin jemals über ihn hätte verstehen können. Er ging stets auf der einen Seite des Ufers an den alten, größtenteils nicht mehr betriebenen Handwerksstuben ab und wechselte in der Altstadt, indem er eine der vielen kleinen, mittelalterlichen Brücken überquerte, die Seite, um am anderen Ufer wieder in verlorenen Gedanken hinauf zu schlendern. In Hoffnung auf … Heute gab der Fluss ihm keine Antwort. Auf all die Fragen, die gerade in ihm aufkamen. Weder Aufklärung noch Verklärung. Nichts als Stille. Nur sein stillstehender Atem und die Frage dieser Kathi, auf die er keine Antwort parat hatte.
Ja, mit wem hatte sie das Vergnügen? Fridolin Zecher war sein Name. Ja, es war sein Name gewesen. Bis vor kurzem. Doch auch dies, so dachte er gerade, hatte scheinbar keinen Bestand mehr. Zumindest war ihm jegliche Sicherheit genommen worden. Wodurch? Etwa durch den Tod seines Großonkels Albert? Gerade hatte er diesen und sein Vermächtnis noch belächelt. Und jetzt? So sehr er sich auch mühte, diesen Tod als Grund für diese Leere, die sich nun plötzlich in ihm eingenistet hatte, anzusehen, spürte er eines doch immer klarer hervorscheinen. Dieser Tod kann es nicht gewesen sein. Zumindest nicht direkt. Was war es dann, das ihn aus seiner Welt herausgeschmissen hatte? In eine andere, die ihn so unverhofft in den Würgegriff genommen hatte, dass er ihr Gesicht hinter sich nicht erkennen konnte.
Das Gefühl, das ihn packte, war so bedrohlich, dass er kein Wort mehr auszusprechen vermochte. Auch er hatte dieser Welt nichts zu sagen. Ja, er konnte ihr nichts sagen, so sehr er sich auch bemühte. Worte, diese sonst so einfachen Gebilde, die aus seinem Mund nur so sprudelten, fehlten ihm nun vollends. Nichts war mehr so, wie es einmal gewesen zu sein schien. Obdachlos, ja, so dachte er sich, das war er.
„Entschuldigen Sie, sind Sie noch am Apparat?“, hörte er es schallen.
Nein, Fridolin stand auf der Leitung. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er immer noch kein Wort herausbekommen.
Er hatte eine alte Litfasssäule geerbt. Nicht mehr und nicht weniger. Es war keine Tragödie, aber so recht verstanden hatte er nicht wirklich etwas. Er, der bis dahin ein stinknormales Leben gelebt hatte. Hatte geheiratet. Griseldis, eine Frau, die er zwar nicht immer verstand, aber mit gutem Verstand zu schätzen wusste. Hatte Kinder gezeugt. Zwei Söhne, von denen einer – Peter – misslang und der andere – Jens – sich noch bewähren musste. Doch sie haben die beiden großgezogen, so gut sie konnten. Hatten ein Haus gebaut, einen Baum gepflanzt… Nein, er hatte sich nichts vorzuwerfen. Er hatte alles getan, was ein Mann hätte tun können. Und wahrscheinlich noch einiges mehr. Seine Familie musste nicht Hunger leiden, denn der Schuhladen, den er nach der Lehre von seinem Vater übernommen hatte, war seit Jahren weit über die Stadt hinaus bekannt und auch sonst viel ihm nichts ein, was er hätte anders gemacht haben können. Normaler hätte sein Leben nicht verlaufen können. Sogar in die Kirche sind sie zu Ostern und zu Weihnachten mit den Kindern gegangen. Und, dass Andere schlecht über sie reden würden, nein, das ist ihm noch nie zu Ohren gekommen. Ja, sie waren gute Bürger und bemühten sich mit all ihrer Macht die Räder der Welt am Laufen zu halten. Sein Erfolg schien ihn zu bestätigen.
Doch tief in ihm brodelte es. Irgendetwas hatte sich verändert. Die Geradlinigkeit seines ganzen Lebens war von einem auf den anderen Moment verloren gegangen. Alles hätte so schön weiter gehen können.
Doch nun war da diese seltsame Litfasssäule dieses Alberts, der scheinbar nicht nur aus Zufall den gleichen Namen trug wie er. Dazu noch Hohenwulsch, das Niemandsland, wo dieses – scheinbar alle finanziellen Sorgen auflösende – Erbe auf ihn wartete. Und, als ob das nicht schon genug wäre, auch noch diese Kathi Berg, mit der er gerade telefonierte. Oder auch nicht. Was hatte es mit alldem auf sich? Hätte der Notar, von dem er diese scheinbar so frohe Botschaft erhalten hatte, nur das Geheimnis um das Erbe gelüftet. Ja, so langsam dämmerte es ihm, nicht der Tod, sondern vielmehr diese Ansammlung von schicksalhaften Zufällen ließ ihn verstummen. Das erste Mal überhaupt.
Allmählich wunderte er sich, weshalb diese Frau immer noch den Hörer nicht aufgelegt hatte. Es schien mittlerweile ein ganzes Leben im Spiegel des Flusses an ihm vorübergegangen zu sein.
Sie war die Kontaktperson. In Hohenwulsch. Irgendwo im Nirgendwo. Blieb sie vielleicht nur am Hörer dran, weil sie es erahnte oder gar wusste, dass er es war? Plötzlich fühlte er sich völlig nackt. Alle Gedanken, die ihm durch den Kopf geschwirrt waren, so halluzinierte er, habe diese Frau aus ihm herausgehört. Ohne dass er auch nur ein Wort gesprochen hätte. Er spürte wie er in seiner sonst so engen Hose unterging. Demonstrativ zog er, um sich und vor allem dieser Frau zu beweisen, dass er nicht untergehen würde, seinen Gürtel etwas fester.
Den plötzlichen Halt wieder gewonnen, bemerkte er, dass er, seitdem er ihre wunderschöne Stimme gehört hatte, keinen Schritt nach vorne getan hatte.
„Hören Sie?“, strahlte es abermals wie aus dem Nichts.
Und plötzlich kam es in ihm hoch. Er kam langsam wieder zu sich und merkte, wie diese Stimme ihn verzaubert und sein ganzes vorheriges Leben entzaubert hatte. Er musste nach Hohenwulsch. Sein Erbe antreten und diese Frau sehen.
Doch zunächst musste er erst einmal Worte finden.
Als er aufwachte, war es eigentlich schon zu spät. Die Uhr auf seinem leeren Nachttisch zeigte in blutroten Ziffern die einzig gültige Wahrheit an: 03:31. Er muss wohl eingeschlafen sein. Ohne dass er es gemerkt hatte. Doch das war jetzt egal. Unwichtig. Das einzig wichtige war die Zeit. Und die stand nicht auf seiner Seite. Er hatte geschlafen, während die Zeit weiter gerannt war. Ihm hämisch in die toten Augen gelacht hatte. Es war wohl 01:52 Uhr gewesen, als er das letzte Mal auf die Uhr geschaut hatte. Zumindest soweit er sich daran noch erinnern konnte. Und dies sollte angemerkt sein, denn sein sonst so vertrauenswürdiges Gedächtnis verließ ihn wie so manch anderes in letzter Zeit des Öfteren. Er wusste nicht warum, aber was sollte schon mit ihm passiert sein? Wenn es nach ihm ging, gar nichts. Alles schien so wie immer. Die Sonne ging auf und die Sonne ging unter. Diese ewige Monotonie, der er noch nie etwas abgewinnen konnte. Und so hatte er sich auch stets dagegen gesträubt sein Leben dem Diktat der Natur zu unterwerfen. Wenn man so recht überlegt, war es denn auch schon immer seine heiligste und stille Kunst gewesen, die Grenzen von Tag und Nacht ineinander aufzulösen. Im Grunde genommen kannte er sie nicht. Er hatte sie noch nie kennen gelernt.
Schon als Säugling war er nachts wach und tagsüber im Schlaf versunken. Anfangs machten sich die Eltern noch Sorgen, suchten Ärzte in der ganzen Umgebung auf. Doch keiner von ihnen konnte irgendeinen Fehler feststellen. Alles hervorragend. So entwickelte er sich auch trotz aller Bedenken prächtig. War kaum krank und hat seinen Mitmenschen auch sonst keine gravierenden Probleme bereitet. Ja, so viel man auch an ihm als seltsam erachten könnte, etwas Schlechtes konnte man beileibe nicht über ihn sagen. Er hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er hatte nach Möglichkeit versucht sich aus allem herauszuhalten. Und war trotzdem still dabei. Wusste Bescheid, aber tat nichts. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Nichts, was man als besonders böse und ebenso gar nichts, was man als nennenswert gut bezeichnen könnte. Er wachte über allem, ohne einzugreifen. Und drückte schweigend bei so manchem ein Auge zu. Er sah alles, aber nichts bewegte ihn. Ja, er war ein ganz normaler Zeitgenosse.
Und man konnte auch nicht behaupten, dass es ihn gestört hätte. Die Welt zog an ihm vorbei und er sah ihr dabei zu. Ohne jegliche Regung. Er hatte Besseres zu tun. Nicht, dass er das behauptet hätte. Aber sein Leben war ausgefüllt. Es war ihm nicht zu wenig. Vielleicht sogar zu mancher Stunde ein wenig zu viel. Aber Gedanken machte ihm das nicht so recht. Diese Welt, in die er gelegt wurde, in der er es sich gemütlich gemacht hatte, ja, sie war ihm genug. Und mehr zu wollen, das kam ihm nicht in den Sinn. Warum auch? So wie alles bis dahin verlaufen war, ja, so war es absolut in Ordnung. So manch einer hätte sich ein solch makelloses Leben gewünscht. Und makellos war es. Keine besonderen Vorkommnisse. Sein Leben war nichts anderes gewesen als völlig normal.
Und genau das war es gewesen. Diese Normalität. Diese Unscheinbarkeit. Diese Unschuld. Irgendwann muss sie gebrochen sein. Wie ein neuer Tag, der anbricht, den aber auf den ersten Schein nichts von all den anderen unterscheidet. Erst im Nachhinein wird deutlich, dass irgendetwas nicht mehr so ist, wie es einmal gewesen zu sein schien. Ja, und da stand er, nein, vielmehr lag er da nun. Mit dem Kopf zur weißen Wand. Die Decke über ihm erdrückte ihn nicht wirklich, aber ebenso wenig traute er dem Boden unter ihm zu, ihm ein wenig Halt zu geben. 03:31 Uhr. Draußen war es dunkel und, wenn er es versucht hätte – was er nicht tat – nach einem Geräusch zu horchen, würde er nur eins zu hören bekommen. Nichts. Das große, weite Nichts. Ja, da schwebte er auf seinem Bett. Und um ihn herum rein gar nichts. Ein Zimmer, das auf Anhieb hätte keine große Geschichte offenbaren können. Kahl, und leer. Neben ihm auf dem Nachttisch die Uhr. Kein Ticken und auch sonst nichts zu sehen, hören, riechen, schmecken… Und auch nichts zu fühlen. Die Leere, die sich in diesem Zimmer über Jahre fast wie selbstverständlich am Leben gehalten hatte, war nun plötzlich wie durch einen teuflischen Zauber in eine Fülle von Nichts verwandelt. Ihr Gesicht sagte nichts und doch sagte es alles. Ohne Worte. Und das verstand er nicht.
So sehr er auch als völlig normaler Mensch zu bezeichnen war. Ja, so sehr war er es auch wiederum nicht. Und das wurde ihm allmählich klar. Er verstand sie nicht, die Sprache der Sprachlosigkeit. Irgendetwas war doch nicht mehr so, wie er es sich vielleicht gewünscht hätte. Aber was vorbei gewesen war, ja, das war nun endgültig vorbei. Ja, und trotzdem rührte ihn nichts. Er lag da und konnte sich kaum bewegen. Er spürte nichts. Dieser leere Raum war voll von ihm. Nur die Uhr wusste darin ihre Seele zur vollen Blüte zu bringen. Und sie stand immer noch auf 03:31. Leisen, aber aufrichtigen Schrittes zog sie weiter. Für einen Moment, doch schon bald konnte dieser vorbei sein und sie würde sich wieder in all ihrer Macht zeigen. Es bebte schier und … Plötzlich war es 03:32 Uhr. Er hatte es nicht gemerkt, hatte sich einen Moment lang der Leere hingegeben. Und schon war sie wieder da, die Zeit, die ihn von hinten packte. Drückte ihn nieder. Und ließ ihm keine Luft. So wie nichts in ihn hinein kam, so kam auch nichts aus ihm heraus. Die Bettdecke, die auf seinem dürren Körper klebte, schien sich schützend um ihn gehüllt zu haben. Sie war schwer, doch war sie ihm keine Last. Ja, sie war vielmehr das Einzige, was zwischen dieser gefüllten Leere und dem, was man meinen könnte als seinen Körper zu bezeichnen, eine Verbindung, ja vielleicht eher einen scheinbaren Berührungspunkt entstehen ließ.
Ja, dieser Hauch von Nichts, der ihn umgab, war alles, was er hatte. Das war plötzlich Fakt. Ohne dass irgendetwas Augenscheinliches passiert wäre. Wie aus dem Nichts war das Nichts in ihm in ganzer Fülle aufgegangen. Wie ein Geier, der sich plötzlich am Ort des Todes über die verbliebenen Überreste hermacht. Vom zarten Geruch des Todes angezogen. Von den Schreien des schwachen Fleisches gerufen. 03:33 Uhr. Ohne sich auch nur einmal gerührt zu haben, schlief er friedlich und regungslos wieder ein. Der Schlaf, der sich wie ein durchsichtiger Schleier über ihn legte, war keiner. Es war der Tod. Und er hatte ihn vernommen. Das erste Mal überhaupt war es ihm gelungen den Moment des Einschlafens einzufangen. Aber im Grunde wusste er, dass dieser Augenblick nicht den heilenden Schlaf bringen würde. Vielmehr war es der reine Tod, der in ihm einen nährreichen Boden fand.
Aber er atmete. Still und leise. Es war nichts mehr, wie es einmal gewesen war. Es war vorbei. Alles. Im Nichts untergegangen. Mit der Zeit. Aber er atmete. Und in dem Zimmer verbreitete sich ein zarter Duft von Leben. Aber weiterhin regte sich nichts. Alles Vergangene war nun vollends vergangen. Das Gegenwärtige war unzweifelhaft das Nichts. Aber er atmete. Regungslos. Sollte nach diesem Tod etwa doch eine lebendige Zukunft anbrechen? Ein neuer ewiger Tag? Eine Frage, die – so schnell sie auch aufkam – wieder in der Leere mit Hoffnung auf Antwort verkam. Eine Frage um Leben oder Tod.
Das Leben liebt nicht, der Tod weint nicht. Die Stummheit liegt in uns und schweigt. Ob es etwas gäbe, in uns was sich sagen liesse? Eine Melodie der Wahrheit, ein Rauschen von Wellen gegen ein Felsenriff geschlagen, die endlose Gnadenlosigkeit der Wüste. Es gibt etwas, was sich nicht sagen lässt.
Das wesentliche, die einmalige Erfahrung in ihrer Subjektivität lässt sich nicht mitteilen. Die Allgemeinheit der Worte verwaschen die Einmaligkeit, lösen es auf in das Verstehen von Jedermann. Verhasstes Verständnis…
Das Schweigen wächst, als Mauer um einen herum. Nicht einmal sich selbst kann man diese Erfahrung wahrhaft erzählen. Vor sich schweigen können, in der Sprachlosigkeit verharren aus Ehre an die Erfahrung, sich aufgeben um sich nicht zu banalisieren, um sich nicht in den Dreck zu ziehen.
Darauf verzichten sich selbst zu verstehen, eine Schatzkiste hüten ohne sie zu öffnen, damit das Gold und die Tränen vom Blick nicht beschmutzt werden. Ein Asket der Sprachlosigkeit, verzichtend auf die Geschichte, die ohne Sprache nicht existiert.
“Max Skinner hat kein Wochenende, kein Urlaub. Max Skinner macht Geld.”
Bis an den Tag, an dem er vom Tod seines geliebten Onkels Henry erfährt. Von einem auf den anderen Moment ist er verbannt aus seiner Welt, die bis dahin nur aus reinem Geld, egoistischem Machtgehabe und nichts weiter bestand. Doch das Erbe, das Henry ihm überlässt, lastet schwer auf seinen Schultern.
Das sonnige provenzalische Südfrankreich. Die Welt, in der Max’ Vergangenheit schläft, erwacht urplötzlich in ihm zu neuem Leben. Eine millionenschwere Villa mit einem dazugehörigen Weinberg liegt nun in seinen Händen. Und alles, was ihm dabei vorerst einfällt, ist der Verkauf. Eine horrende Summe hält ihn in den alten Bahnen seiner bitter gescheiterten Luxus-Existenz.
Doch es ist das Treffen mit Fanny Chenal, einer charmanten Restaurantbesitzerin aus dem Dorf, das ihn in tiefste Zweifel verfallen lässt. Eine sexuelle Odyssee zwischen den beiden wird zum Symbol des Ausbruchs aus der eigenen Haut. Ist es der Ort, der nicht zu seinem Leben passt oder vielleicht doch andersherum sein Leben, das nicht zu diesem Ort passt? Eine Frage, die Max mit der männlichen Entschiedenheit seines Onkels beantwortet.
„Hast du einmal etwas Gutes gefunden, musst du es pflegen, es in Ruhe reifen lassen.“
„Ein gutes Jahr“ von Ridley Scott speist eine Menge seiner Überzeugungsfähigkeit aus seinem Hollywood-Charakter und dem obligatorischen Happy End. Trotz alledem wurzelt der Kern dieser Geschichte voller Liebe in einer zarten Prise französischer Romantik und einem melancholischen Hauch sinnlicher Erotik.
Und das alles mit Russell Crowe und Marion Cotillard, der diesjährigen Oscar-Gewinnerin für ihre famose Interpretation des Lebens der Edith Piaf in „La vie en rose“, in den Hauptrollen. Einfach nur schön anzuschauen. Mit traumhaft poetischen Bildern…
glaubend schaue ich Zweifelnd
DEIN BLUTIGES ANTLITZ;
liebend schaue ich Hassend
DEINEN FINSTEREN GEIST;
hoffend schaue ich Fürchtend,
DEIN DUNKLES LICHT.
II.
nachts qualvoll dem ERLÖSENDEN schlafe fern
fällt mein auge auf dich –
das hölzerne KREUZ
über der verriegelten tür.
im mondlicht wirfst du deinen strafenden blick
auf mein schwarzes haupt im totenbett –
meinen entwässerten LEIB,
meine verhungerte SEELE.
in HÖLLISCHER EWIGKEIT stichst du deine eiserne BOTSCHAFT
in meine weißen augen.
mit HIMMLISCHEM FEUER brennst du dein bleiernes WORT
in meine eiternden wunden.
III.
deine ungnädige liebe nagelt unendliches LEID
an mein gebrochenes KREUZ.
ich, ein hoffnungsloser BLINDER,
HASSLIEBE dich, meinen herzlosen peiniger.
du, mein NÄCHSTER, beraubst mich ewiglich
meines augenlichts, mein heil, mein geliebter FEIND.
er lehnt sich nicht weit
aus dem fenster ohne gardinen
sein dreitagebart überwuchert
sein geschwollenes gesicht
ein vergilbtes unterhemd bedeckt
seine dürre hühnerbrust
eine supermarkt-zigarette
nach der anderen dreht er
seinen blick lässt er zur anderen
straßenseite schweifen
und schaut auf
den weiten grauen hochhaushorizont
sie ruft die tobenden
kinder zum essen herein
warmer duft von hühnersuppe strömt durch
das offene fenster
das geschirrklimpern spielt
die perfekte liebesmelodie
die teller füllt sie
mit dem großen löffel bis zum rand
flehende blicke des goldenen retrievers
stillt sie unter dem tisch
und fällt in zerbrechliche träume
von den roten rosen im grauen garten
er küsst andächtig seinen doppelten
espresso im schaufenster
seine tageszeitung liegt
aufgeschlagen vor seinen müden augen
ein gedanke dreht sich um
seine bunte kulisse
ein hauch von frühling weht durch
sein brillengesicht
sein jugendgraues haar durchfährt er
mit einer intelligenten Geste
und schlägt das eine bein über das andere
den zeigefinger zum kellner hebend
sie läuft zwischen den straßenlaternen und
zählt die grauen kaugummis unter ihr
ihr gepflasterter weg führt sie zu sich selbst
vor die altbauwohnungstür
ein hartes klopfen hört sie an
der roten nachbartür
ein dumpfes trampeln fällt
von der brüchigen stuckdecke über ihr
ihre zarten rehaugen tränen
ins nirgendwo des hinterhofs
und mustern ihre dürre silhouette
im spiegel der schwarzen jalousien
Endlich ist es wieder soweit. Der coolste Typ Deutschlands hat sich wieder über das Mischpult gelegt und seinen unnachahmlichen Sound eingespielt. Udo Lindenberg, der Panikpräsident, ist back. Sein gestochen scharfes Denglisch berühmt berüchtigt, seine Lyrics und seine Malereien zwischen politisierter Poesie und melancholischem Kitsch, seine Person weit über die Grenzen von West- und Ost-Deutschland bekannt.
Es scheint sich nichts verändert zu haben. Seine Panikzentrale befindet sich immer noch im legendären Hamburger Hotel Atlantic. In den letzten Jahren war er zahlreich auf verschiedenen Platten von jungen, aufstrebenden deutschen Künstlern wie Jan Delay zu hören gewesen. Doch jetzt hat er wieder einmal selbst zugeschlagen. Und das mit voller Kraft. Er hat gerufen und sie sind gekommen: HipHop-König Jan Delay, Steffi Kloß von Silbermond, Jazz-Trompeter Till Brönner und last but not least der grandiose Helge Schneider.
Dabei herausgekommen ist eine äußerst hörenswerte Platte à la Lindenberg. Nicht wirklich viel Neues, aber der alte Udo überzeugt immer noch mit seinem eisernen Biss. Doch geht mir ein Eindruck nicht aus dem Kopf: je älter er wird, desto mehr mutiert er zu Ozzy Osbourne – die Stimme, der Style und der Alkohol erst recht.
Schön, dass so viel Nostalgie noch möglich ist. Eine Prise Sozialkritik, ein Hauch Humor und ein Batzen Zorn. Mit der neuen, 41. (!) LP „Stark wie Zwei“ schreibt Udo Geschichte und macht sich selbst zur Legende! Und wenn es nach ihm geht, soll es noch ewig so weiter gehen.
Die erste Single-Auskopplung: Wenn du durchhängst…
Für Destruktive, Fatalisten, Egoisten und welche die es werden wollen
Verweile nicht bei deinen Irrtümern, es gibt auch andere schöne Sackgassen
Verwirkliche nichts, du verlierst dabei alle anderen Alternativen.
Erkenne niemals die Überlegenheit eines anderen an, alle Menschen enden im gleichen Ziel.
Freue dich nicht über Geschenke, du läufst sonst in Gefahr dich zu ärgern, wenn sie kaputt gehen.
Dankbarkeit ist überflüssig, es gibt keine uneigennützige Handlung.
Träumen ist schöner als Leben - in den ersteren bist du unsterblich-.
Sei ein Held in deiner Fantasie, wenn du es nicht im wirklichen Leben sein kannst.
Erwähne anderen gegenüber niemals deinen Mangel an Potenzial, sie könnten dir glauben.
Wenn du dein Gedächtnis trainieren willst, dann übe das Lügen. Man lernt nicht eher, als man muss.
Erzähle niemanden davon wenn du gemeinnützig spendest, richte es so ein, dass andere Zeuge deiner Handlung werden.
Auto fahren, kann jeder Idiot, sie anzuzünden, dazu gehört Mut.
Wenn die Sonne allzu heiß scheint, dann steh im Schatten deines Vorgesetzten.
Regenschirme sind praktisch, sie gewährleisten, dass niemand näher als eine Armeslänge zu dir herantritt.
Wenn dir Händeschütteln unangenehm ist, dann arbeite vor gesellschaftlichen Anlässen im Garten.
Nichts ist so schön wie andere zu verbotenen Taten anzustiften. Genieße die Möglichkeit der Macht, während die anderen betrunken sind.
Wenn du nicht mehr rechtzeitig bremsen kannst, dann erhöhe die Geschwindigkeit. Du willst doch nicht, dass die Mauer euren Zusammenprall ohne Kratzer überlebt.
Der Chaos Computer Club hat das wahr gemacht, was viele nicht für wahr halten wollten. Die berühmtesten deutschen Hacker haben sich an die Arbeit gemacht und nach relativ geringem Zeit- und Kostenaufwand den Fingerabdruck von Innenminister Wolfgang Schäuble veröffentlicht.
Gut, ein Fingerabdruck… Wird jetzt wohl so mancher denken, aber die Diskussion über den großen Bruder, der uns behutsam über die Schulter schauen soll, schwebt hartnäckig über der Öffentlichkeit. Über Vor- und Nachteile dieser Methode lässt sich sicher diskutieren. Dass es aber nicht die einzige Idee zur „nachhaltigen Herstellung der Sicherheit in einer völlig aus den Ufern geratenen globalisierten Welt“ ist, können wir täglich aus den Gesichtern unserer werten Sicherheitspolitiker lesen.
Biometrische Daten sind quasi voll im Trend. Jeder sollte sich ein paar von ihnen zulegen. Und bald schon per Gesetz. Sind wir nicht alle ein bisschen Stasi?
Aber nicht nur biometrische Daten: Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung etc. Die Liste würde sich bis ins Unendliche fortsetzen lassen. Und das Repertoire ist groß und schon mitten unter uns. Alles unter dem Decknamen der „Law-and-Order Politik“ unserer Eliten.
Zu dem Thema nun ein Kurzfilm, der genau dies thematisiert. Die Überwachung des Individuums aus scheinbar sicherheitspolitischem Interesse. Der Kampf gegen den Terror! Auf dem Weg zum himmlischen Frieden…
Alles, was in den nächsten Zeilen beschrieben wird, hat sich so und in genau der Form heute - Dienstag, den 25.03.08 - um 14:30 Uhr auf einer Telefonleitung zwischen Köln und Berlin abgespielt.
Über die Osterfeiertage war es mir leider nicht möglich die Angelegenheit zu klären, so wartete ich auf den heutigen Tag, um endlich meinen Bafög-Bescheid nach 4 Monaten Bearbeitungszeit abzuklären. Ja, ihr habt richtig gehört, ich bin einer dieser Glücklichen, die dem Staat mit offizieller Genehmigung auf der Tasche liegen dürfen. Fast wie selbstverständlich verirrte sich mein erster Anruf nach einer freundlichen Weiterleitung durch die Telefonistin in einer melodischen Telefonodyssee im Kölner Studentenwerk. Der zweite Versuch führte mich dann vor das lebensfrohe Antlitz des deutschen Beamtenlebens. Meine Sachbearbeiterin sagte mir mit selbstsicherer Stimme: „Wir haben jetzt Mittagspause! Versuchen Sie’s später noch mal.“
Der dritte Anruf nun hier in Originalabschrift:
Frau B.: Studentenwerk Köln, hier B. am Apparat!
Ich: Ja, Blokus mein Name, (Vorsichtig) ich wollte wegen meinem Bafög-Antrag nachfragen. Ich habe bereits vor drei Wochen mit Ihnen telefoniert, (Achtung! Dezenter Vorwurf) und bis heute habe ich keine Nachricht erhalten. Mittlerweile sind es nämlich schon 4 Monate.
Frau B.: Ja, wir verschicken aber keine Bescheide! (Ja, vielen Dank auch!)
Ich: Ich wollte auch nur fragen, ob ich Ende diesen Monats einen Geldeingang von euch auf dem Konto haben werde.
Frau B.: Da kann ich aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben! (Nochmals vielen Dank!)
Ich: (Langsam ein wenig genervt) Können Sie mir den wenigstens innerhalb des rechtlichen Rahmens des Datenschutzes am Telefon eine Auskunft über den Bearbeitungsstand meines Antrages geben?
Frau B.: (Wühlt zwei Minuten in irgendeinem Ordner) Ist bearbeitet!
Ich: (Hoffnungsvoll euphorisch) Also, kann ich am Ende des Monats Geld auf dem Konto erwarten?
Frau B.: Das kann ich Ihnen, wie gesagt, nicht sagen. Aus Gründen des Datenschutzes. Sie verstehen sicher. Da müssen Sie schon persönlich vorbeikommen. (Ja sicher!)
Ich: Trotzdem, vielen Dank und auf Wiederhören!
Frau B.: Ja, Tschüss!
Einfach unnachahmlich, das deutsche Beamtenvolk. Dann hoffe ich jetzt mal auf Geldregen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt!
Ja, heute will ich mich der Poesie widmen. Nicht nach alter Schule, sondern ganz modern. Vielleicht haben schon einige von euch dieses oder jenes über die WDR Poetry Slams gehört. Letztlich auf der lit.cologne hat es wohl auch eine Veranstaltung gegeben.
Das Phänomen ist im Prinzip altbekannt. Und hat sich den Weg von Chicago über den großen Teich gebahnt. Poesie mit “Performance”, quasi literarischer HipHop. Und am Ende entscheidet das Publikum über den Gewinner. Heute: Volker Strübing und sein Klon-Planet. Leider nicht der Gewinner.
Little Dragon… Eine schwedische Elektrosoul-Combo mit der Halbjapanerin Yukimi Nagano als zaubernde Seelenhauchvokalistin. Dieses Album ist eine Entführung in eine entlegene aber in der Tiefe äußerst bekannt anmutende Fantasiewelt. Zwischen melancholischer Einsamkeit und verzücktem Zukunftsglauben.
Daraus nun für alle zwischen den grellen Straßenlaternen und den zarten Frühlingsregentropfen wandernden Gefangenen: “Twice”, Lied Nr. 1 auf dem Album “Little Dragon”.
Twice
Twice I turn my back on you
I fell flat on my face but didn’t loose
Tell me where would I go
Tell me what led you on I’d love to know
Was it the blue night
Gone fragile
Was it both men
In wonder steady gone under
Was it the light ways
So frightening
Was it two wills
One mirror holding us dearer now
Thought I had an answer once
But your random ways swept me along
Colossal signs so I got lost
With so many lovers singing soft
Was it the blue night
Gone fragile
Was it both men
In wonder steady gone under
Was it the light ways
So frightening
Was it two wills
One mirror holding us dearer now
Nachdem das Lied vor drei Wochen bei der “KGB - Kunst gegen Bares” im Severins-Burg-Theater nach mehreren ungehörten Jahren plötzlich wieder aus dem bedeutungsvollen Nichts aufgetaucht ist…
Ein Wahnsinns-Video!
Hurt
I hurt myself today to see if I still feel.
I focus on the pain, the only thing that´s real.
The needle tears a hole, the old familiar sting.
Try to kill it all away, but I remember everything.
What have I become my sweetest friend?
Everyone I know goes away in the end.
And you could have it all, my empire of dirt.
I will let you down, I will make you hurt.
I wear this crown of thorns upon my liar´s chair.
Full of broken thoughts I cannot repair.
Beneath the stains of time the feelings disappear.
You are someone else, I am still right here.
What have I become my sweetest friend?
Everyone I know goes away in the end.
And you could have it all, my empire of dirt.
I will let you down, I will make you hurt.
If I could start again, a million miles away,
I would keep myself, I would find a way.
„[...] Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alledem ist, daß der Mensch nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen ist, das sich höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern daß er zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädigung auszunützen, ihn ohne seine Einwilligung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe zu bringen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu töten.“
(…)
„Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher das Idealgebot, den Nächsten zu lieben wie sie selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.“
(Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, 1930)
In der Hoffnung das berühmt berüchtigte Berliner Kulturleben kennen zu lernen, habe ich mich am frühen gestrigen Abend durch die breiten, von mit jugendstylischen Graffitis geschmückten Altbauhäusern gesäumten Berliner Straßen auf den Weg in einen scheinbaren Underground-Kulturtempel begeben.
Nach angenehmer Suche angekommen (dazu später mehr), habe ich mich in den von Literatur-Akademikern überfüllten Raum gesetzt und gewartet. Skurrile Persönlichkeiten zogen vor mir ein und aus. Mal mit einer kritischen Literaten-Brille bewaffnet, mal mit einem obligatorischen Glas Bordeaux. In diesem Moment waren meine Vorurteile noch tief in meinem Unbewussten begraben. Aber ich habe schon gespürt, dass sie im Auftrieb waren und habe mir deshalb ausdrücklich vorgenommen eine besonders wohlgesonnene Beobachterbrille aufzusetzen. Ich wollte mich überraschen lassen. Ist doch auch mal schön.
Und so wartete ich, der ich ohnehin schon 10 Minuten zu spät war (aber dazu, wie gesagt, gleich mehr). Auf einen aufkommenden Literaturstern am Himmel der deutschen Schreibergilde. Marc Degens wollte seine neuen Roman „Hier keine Kunst“ vorstellen. Eine vermeintlich gute Freizeittippsgeberinternetportalseite namens Ziggy hat ihn mir empfohlen. Ich hoffte aber doch auf etwas Kunst. Eine junge und ambitionierte Lesung im Berliner Lettrétage hat man mir versprochen. Aber noch mal zurück zu Marc Degens: ein ehemaliger FAZ-Kolumnist (”Unsere Popmoderne”), der sich nach seinem Studium der Germanistik und Soziologie anscheinend einen Namen im todbringenden deutschen Feuilleton gemacht hat. Ja, was sollte mich da erwarten? Ich hoffte immer noch, dass es nur Gutes wäre. Die Sterne standen nicht schlecht für ihn, trotz der ominösen FAZ-Vergangenheit. Aber, wie bereits erwähnt, ich wollte vorurteilslos bleiben.
Nach einer geraumen Zeit, die ich mir mit Blicken durch meine Beobachterbrille vertrieben habe, ist ein junger, unscheinbarer Typ in den Raum eingetreten. Der packte sein weißes MacBook aus und präsentierte uns über einen vorher präparierten Beamer höchst interessante Bilder aus der armenischen Hauptstadt Eriwan. Dort herrscht zurzeit noch aufgrund von Wahlausschreitungen der Ausnahmezustand. Und der junge Mann, der sich im Fokus der Linse meiner Beobachterbrille befand, wollte mir mit vielen dekorativen „Ähms“ glaubhaft machen, dass ihn das irgendwie bewege. Er wohne da. Mit seiner Frau. Natürlich in dem sicheren Universitätsviertel. Und sei hier nur bis Montag. Aus künstlerischen Gründen, wie sich von selbst versteht. Dann müsse er leider wieder zurückfliegen. Wirklich beeindruckend. Aber irgendwie zu pompös.
Danach las er aus seinem Buch. Er las nicht sonderlich gut. Aber, wie gesagt, ich wollte fair bleiben. Das gehört sich schließlich so. Und es gab auch Menschen, die lachten. Über Witze, die für mich keine waren. Ja, die Literatenluft um mich herum wurde immer dünner. Die Dame neben mir hantierte an sich herum und postierte ihre Brille etwas unterhalb ihres Sehfeldes, wodurch ihr intelligent wirkender Nasenhöcker noch mehr zur Geltung kam. Der Herr zwei Reihen vor mir versuchte seinem weiblichen Anhängsel durch verständiges Nicken schöne Augen zu machen. Und sie, ja sie lachte verschmitzt, mit dem Weinglas am Mund. Ein Glück, dass sie sich vor Unverstand nicht verschluckte. Es wäre wirklich zu schade gewesen um sie.
Der Edel-Komödiant auf dem Bühnenpodest machte derweil keine bessere Figur. Er gab sich beste Mühe, aber gelingen wollte ihm nicht viel. Er hatte Glück. Das Publikum war ihm gegenüber wohlgestimmt. Man lachte. Aus Gruppenzwang. Wer nicht lachte, würde gnadenlos ausgestoßen. Ich war ein Aussätziger. Ich konnte nicht lachen, so sehr ich mich auch mühte. Es wollte mir einfach nicht gelingen. Was wollte mir dieser Herr eigentlich sagen? Ich hatte das Gefühl, dass er das selbst nicht so recht wusste. Er hatte ein Buch schreiben wollen. Weißes Papier mit schwarzer Tinte beflecken. Inhalt: nicht viel. Ich habe mir nur gemerkt, dass ein junger Spätpubertant sich auf den Weg nach Berlin macht, um dort als Autor sein Glück zu versuchen. Dort zieht er an den Gräbern der Crème de la Crème der deutschen Dichtung vorbei. Und scheitert. Und landet bei seinen Eltern im Münsterland auf der Wohnzimmercouch.
Die Lesung zog sich, obwohl sie nur knapp 50 Minuten dauerte. Es sei gesagt, dass er zwischendurch auch irgendwelche Filmchen seiner Jugendbands einspielte und, wie schon zu Beginn, nie der Anschein aufkam, er würde wissen, was er da tue. Was soll’s! In Leipzig (auf der Buchmesse in der letzten Woche) hätte er alle jungen Zukunftshoffnungen in den Schatten gestellt, ja, so schwadronierte die Elite bei Rotwein und Käsecrackern nach dem ganzen Spektakel. In einem Flur, mit feinstem Stuck, der es nicht verdient hatte dergleichen zu vernehmen. Es blieb mir nichts als das Weite zu suchen. Schade! Aber sei’s drum.
Ich sollte nicht vergessen anzumerken, dass ich mich in diesen 50 Minuten nur einmal dem Applauszwang beugen musste. Und das war ganz am Anfang. Als der gute Marc Degens noch nicht die Bitte ausgesprochen hatte, das Klatschen aus Lärmgründen wegen der Hypersensibilität des Vermieters, der über diesem Raum hausierte, zu unterlassen. Welch Wohltat! Wie vom Himmel geschickt. Natürlich bin ich seiner Bitte liebend gerne nachgekommen. Mein Herz sagte mir, dass die Literatenmeute nicht minder angetan war. Aber das soll nur eine Nebenbemerkung sein, weil man sich ansonsten very amused zeigte.
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ich machte mich auf den Weg in die Berliner März-Kälte und ließ mir den Wind um die Ohren brausen. Doch mein Magen streikte. Es sei Zeit für eine Nahrungserhöhung. Dem wollte ich nachkommen. Wie ich mich nach kurzen Verhandlungen mit meinem Magen entschieden hatte, schaute uns auch schon von weitem das Curry 36 verführerisch an. Eine Kreuzberger Curry-Bude, die weit über die Stadtgrenzen hinaus große Bekanntheit genießen soll. Mit großer Freude schmiss ich mich über meine entdarmte Portion mit Pommes und lauschte dem Gespräch zweier Nebenmänner. Äußerst interessant, welch philosophische Reden der Berliner über seine Curry-Wurst schwingen kann. Das ist Kultur! Am Besten sei sie, wenn sie richtig schwimmend im Fett gebraten werde. Natürlich mit Darm!
Gesättigt wollte ich mich nun zu Fuß auf den Marsch nach Hause machen. Glücklich und zufrieden. Ja, trotz der misslungenen Lesung. Die Dunkelheit hatte sich bereits über die Stadt gelegt und ließ mich den Tag in schimmernden Träumen rekapitulieren. Was bleibt von so einem Tag? Ja, viele Erinnerungen verblassen zwar – einige Lesungen verbleichen hoffentlich –, aber einige wenige werden ins ewige Inventar der hohen Seelenflüge aufgenommen.
Im Bett liegend, dachte ich immer noch an den freundlichen Herrn (ja, jetzt ist es soweit), der mir den Weg zum Lettrétage gezeigt hatte. So freundlich wie er war, begleitete er mich noch ein Stück und erzählte mir seinen Weg. Er sei ein waschechter Berliner – obwohl ich ganz genau sah, dass er ein knapp 45-jähriger Immigrant türkischer Herkunft war, was aber seine Behauptung nicht entkräften soll. Mich bezeichnete er als Plattdeutschen – ja, das seien die Kölner doch, da um die Ecke liege doch auch Duisburg. Sein bester Freund komme da her, schon seit 1975 kennen die sich. Das müsse dann aber wirklich ein wahrer Freund sein, bemerkte ich jugendlich-geduckt. Ja, das sei er. Aber ich solle wissen, dass Berlin doch immer noch das Größte ist. Wo gebe es denn sonst noch solche Altbauten, den ganzen Barock, die ganze Geschichte. Das sei doch alles in Berlin. Vielleicht noch in Dresden, aber auch da nicht mehr wirklich. Er kenne sich da aus als Handwerker. Vorsichtig unterbrach ich ihn in seinem Enthusiasmus und fragte ihn nach dem Kern Berlins, der Eigenschaft, die für ihn von größter Bedeutung sei. Ja, das sei die Menschlichkeit. Hier frage ihn keiner, wer er ist. Da nehme man ihn, wie er komme. Das sei das Größte, die Menschlichkeit. Wesste?
In Halbträumen versunken, schwirrte mir sein letzter Satz durch den Kopf. Er hatte ihn mir nach einem lebensfrohen Tschüssi hinterher gerufen. „Ick hoff, dass du hier bei uns bleibst!“
Was bleibt einem da noch zu sagen nach so einem Tag? Kultur wird wahrscheinlich doch nicht von der Elite gemacht. Zumindest nicht in Berlin. Und auch nicht im schönen Köln.
Wozu das ganze? Warum? Weshalb? Und wofür? Sicherlich sind das Fragen, die sich jeder schon mal in vielleicht sehr unterschiedlichen Situationen gestellt hat. Auch ich habe sie mir heute Abend gestellt. Betreff: Literatur! (Aber dazu morgen mehr, das ist nämlich eine andere Geschichte, über die ich heute aus psychischen Gründen noch nicht schreiben kann)
Jedenfalls bin ich auf der Suche nach stillenden Antworten auf Max Frisch gestoßen. Ein Satz hat mich überzeugt:
“Es könnte anders sein, es müsste anders sein.”
Aber überzeugt euch selber. Und achtet auf die Brille, wirklich exzellent!
Heute will ich nun endlich meine versprochene Rezension zu Charlotte Roches Feuchtgebieten nachreichen. Es darf schon jetzt gesagt sein, ja, es ist ein Porno, ein schmutziger, aber ein guter. Mit Gefühl…
Der erste Satz des zweiten Kapitels bringt die ganze Geschichte relativ gut auf den Punkt: “Hygiene wird bei mir kleingeschrieben”. Dieser Satz zieht sich mit all seinen seelischen und vor allem körperlichen Ingredienzien wie ein menstruationsblutroter Faden durch sämtliche offenen Türen im Leben der 18-jährigen Helen. Der omnipräsente Ekelfaktor, so kann wärmstens empfohlen werden, sollte dabei stets in literarische Qualität uminterpretiert werden.
Kurz zur Geschichte: Es war einmal die arme Helen… die nach einer missglückten Arschrasur im Krankenhaus Maria Hilf liegt und dort ihre Analfissur (siehe Wikipedia) operieren lassen muss. Wo sie schon mal da ist, lässt sie sich gleich auch noch ihre Hämorrhoiden unters Messer legen. Die hat sie nämlich schon, solange sie denken kann. Und das muss bei ihrer blühenden Phantasie eine lange Zeit sein. Ihren Aufenthalt versüßt sich mit tatenvollen Gedankenexperimenten. Nichts entgeht ihr: Analverkehr, Toilettenexperimente, ausgefallene Masturbationsvarianten sind nur einige wenige Beispiele dieser Krankenhausorgie. Wenn aber dies zum Leitmotiv der Geschichte degradiert würde, wäre der eigentlichen Tragikomik dieses Popmärchens nicht genügend Rechnung getragen. Helen hat nämlich in ihrem Kopf nur eins, nein, nicht ihre fast schon nymphomanische Begierde nach allem Sexuellen ist es. Vielmehr ist sie völlig vernarrt in die Vorstellung, ihre geschiedenen Eltern, die sich nicht über den Weg trauen, wieder zu vereinen. Es komme, was wolle. Dafür nimmt sie sogar eine weitere Notoperation in Kauf, die ihr weitere Zeit in der Hygienemaschinerie Maria Hilf verschafft. Während dieser Mission ist sie allein in ihrer Gedankenwelt aus Scheiße, Urin, Vaginalsmegma und Sperma, wobei sie zwischen den beiden letzteren keinen Unterschied finden kann. Aber weit und breit sind ihre Eltern nicht in Sicht. Nur lauter hygienefanatische Krankenschwestern, die sie ohne Anzuklopfen bei ihrem juvenilen Tatendrang stören. Die letzte Möglichkeit, die noch offen steht, ist die Wiederzusammenführung im elterlichen Totenbett, wenn beide ihre Zurechnung verloren haben und auf Helens Pflege angewiesen sind. Schwer, aber das wär’s für Helen allemal wert. Ihr einziger Gehilfe in der ganzen Not ist Robin, der zwar irritierte, aber trotzdem männlich tatenfrohe Krankenbruder, der hingebungsvoll alle Befehle ausführt, die Helen ihm akribisch aufträgt. Was man(n) nicht alles für eine Frau tut. Und umsonst ist es auch nicht, denn Helen – wie sie nun mal so ist – schenkt ihm einen ihrer kostbaren, selbst gezüchteten Avocadokerne, die – wie soll es auch anders sein – nicht nur als Jugendzimmer-Grünzeug Verwendung finden. So ist es zum versöhnlichen Schluss auch dieser Robin, der Helen mit ihrem wunden Arsch auf seiner Fahrradstange aus dem Krankenhaus in sein trautes Heim transportiert, um bis ans Lebensende mit ihr sein Sexandenkenkaubonbon – dt. Sperma – zu teilen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann…
Das war es. Kurz und schmerzvoll. Das erste Mal für mich. Dass ich ein solch tabuloses Buch der zeitgenössischen Literaturszene in meinen Händen halten konnte. Die würzige Kürze der 219 vaginalrosa eingebundenen Seiten hatte es in sich. Sprachlich phänomenal hat Charlotte Roche mit diesem Debütroman (fast) alle Tabus der enttabuisierten Nach-68er-Generation im lasziv-erotischen Spagat ans rosa-rote Licht gebracht. Mit all ihrer Liebe zum versteckten Detail und der raffiniert unverpackten Kritik an allem produzierten Hygienezwang – inklusive einem Plädoyer für selbst gebastelte Tampons – und aller traditionsreichen sexuellen Prüderie in unserer scheinbar zügellosen Gesellschaft. Und das alles in einem leisen Aufschrei eines spätpubertären Scheidungskindes, welches diese Welt einfach nicht verstehen will, und kann. Die stille Tragik, die dabei zum Vorschein kommt, ist ein zarter Beigeschmack, der verrät wie das Unausgesprochene – sei es der große Toilettengang oder der ebenso große Sex– das Seelenleben über alle Berge und durch alle Täler wandern lässt. Auf der Suche nach Antworten. Auf Fragen, die nicht gestellt werden dürfen. Welch Komik, wie das Schweigen doch über all dem Geschrei lastet! Und an jeder Seele nagt. Dieser provokative Drahtseilakt zwischen emanzipierter Anprangerung und tragikomischer Teilhabe der Ich-Erzählerin findet aber leider einen sang- und klanglosen Abgang. Eine wahrhaft revolutionäre Heroin der Postmoderne – eine Porno Queen –, die sich ins stille Kämmerlein zurückzieht? Ich weiß nicht. Aber vielleicht ist das Leben ja wirklich so…
Eine interessante Frage bleibt letztlich zu klären: wie viel von dem Ganzen ist eigentlich autobiographisch?
Dieses Buch ist beim Dumont Buchverlag erschienen und für 14,90 Euro zu haben.
Für einen Kölner sind diese Türen ein Mysterium. Aussagen meines Mitbewohners zufolge sind diese geheimnisvollen Türen, die hier an jeder Ecke zu finden sind, ehemalige Kohle-Kammern für die Heizöfen.
Die SPD-Parteizentrale im Willy-Brandt-Haus: ein Schatten seiner selbst. Und warum luckt oben der Baukran hervor? Etwa eine Großbaustelle, deren Arbeiter sich vom Staub gemacht haben?
Der preußische Jugendstil hinter schwarzen Bäumen. In neuem Glanz.
Mein gestriger Spaziergang durch Berlin - hier streikt der öffentliche Personennahverkehr seit zwei Wochen - hat mir nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Auftrieb verliehen. Nicht nur, dass diese Stadt wirklich als Metropole bezeichnet werden kann, nein, es ist vor allem so einiges, was man als Kulturschock bezeichnen kann.
Schon bei meiner ersten S-Bahn-Fahrt habe ich eine aufregende und interessante Erfahrung gemacht. Davon könnte sich die kölsche Obdachlosenzeitung “Kumm erus” ein Scheibchen abschneiden. Die Berliner Obdachlosenszene schleicht nicht desinteressiert durch die Bahn mit einem zerfledderten Becher, nein, hier steckt eine wahrhaftige Marketingstrategie dahinter. Der “Promoter” kommt in den Zugabteil rein, stellt sich in die Mitte und hält eine freundliche und mitreißende Rede für den Berliner “Straßenfeger”. Und dann, natürlich kauft sich kaum einer die Zeitung, aber mehr Geld nimmt er allemal aus der Bahn mit.
Ein zweites Évènement hatte ich beim Suchen meiner Wohnung. Hausnummer 37 war weit und breit nicht zu sehen. Ja, bis ich gemerkt habe, dass für mich eine Welt zum Einsturz gebracht wurde. Wahrlich, hier ist die Hausnummerierung nicht nach Straßenseiten und geraden oder ungeraden Zahlen organisiert. Hier funktioniert das irgendwie anders, jedenfalls ist eine Nummer neben der anderen aufgereiht. Aber wie es genau gedacht ist, weiß ich noch nicht so recht.
Eine weitere Augenweide ist der Nahverkehr, der wie gesagt zwar bis Montag streikt, aber zumindest ist die S-Bahn ja noch intakt. Das nennt sich mal Großstadt: die Bahnen trudeln im Zwei-Minuten-Takt ein. Einfach Wahnsinn!
Heute nun mein erster Beitrag aus meinem Aufenthalt in der Weltmetropole Berlin. Schon bei meiner Ankunft am überdimensionierten Berliner Hauptbahnhof wurde ich noch an der Ausgangstür des ICEs in Fahrtrichtung rechts vom Zentrum der Macht zu einer kurzen Andacht gemahnt. Wirklich imposant, Frau Kanzlerin! Dagegen ist das Weisse Haus wahrscheinlich ein Gartenhäuschen. Das meine ich ernst.
Aber vielmehr, als mich mit der deutschen Politik zu beschäftigen, möchte ich einen Dokumentationsfilm über die Weltmacht Nr. 1 zugänglich machen. Ich habe sie erst letzte Woche gesehen und war trotz kritischer Begutachtung bis aufs Äußerste von den dargelegten Fakten beeindruckt. Vielleicht ist es das falsche Wort für eine solche außerordentlich Rechercheleistung. Es ist eher schockierend und vor allem offenbaren sich nach dieser Stunde voller Antworten nur umso mehr Fragen.
Der 11. September 2001 hat unsere Welt verändert. Nichts ist mehr, wie es mal zu sein schien. Aber warum eigentlich? Einige mögliche Ansätze bietet diese Produktion, die fern von jeglicher Verschwörungstheorie den Anspruch hat, auf ungestellte Fragen aufmerksam zu machen.
Aus Gründen der Ladegeschwindigkeit dieses Blogs bitte ich euch den Film bei Interesse auf der Original-Website zu schauen.
Was auch immer wir heute suchen, wir tun es immer seltener in der heimischen Küchenschublade oder im Staub unter der Wohnzimmer-Couch. Nein, wir googeln… Ohne Ende. Google hat sich nicht nur bis in die deutsche Sprache vorgekämpft, sondern bei weitem noch mehr geschafft. Datenschützer und Bürgerrechtler auf dem ganzen Planeten warnen vor der obskuren Macht der Suchmaschinen-Algorithmus-Erfinder.
Was aber steckt wirklich dahinter? Ist es eine dieser unzählbaren Verschwörungstheorien, hinter denen entweder amerikanische CIA-Agenten oder jüdische Freimaurer stecken? Oder verbirgt sich hinter dem ganzen Theater doch ein Funken Wahrheit? Jedenfalls hat sich mit der ganzen Affäre ein Regisseur beschäftigt und daraus ein durchaus ansehnliches Kurzfilmchen gebastelt.
Am Montag lag nach gefühlt sehr langer Wartezeit endlich ein “heiß” begehrtes Buch in meinem Briefkasten. Der Erstlingsroman von Charotte Roche, der ehemaligen Viva 2-Moderatorin, die schon immer für ihre unkonventionelle Art bekannt war. In den letzten Wochen hat sie es auf ein Neues in die Medien geschafft.
Mit einem “pornografischen Roman” über Helen, ein 18-jähriges Frau-chen, das sich sowohl exzessiv mit der Scheidung ihrer Eltern und den möglichen Wiedervereinigungsszenarien als auch akribisch mit allen Öffnungen ihres Körpers beschäftigt. Leider bin ich noch nicht ganz fertig, aber das wird sicher ein Leichtes sein. Und das absolut nicht nur aus triebhaftem Turbolesen, nein, vielmehr weil dieses Buch wirklich zu empfehlen ist. Schon nach der Hälfte kann ich den Humor und die Gedankenwelt der Charlotte Roche für alle Hartgesottenen unter uns empfehlen. Ein wenig Resistenz gegen Ekelszenen sollte aber schon aufgebracht werden.
Wie dem auch sei, eine ausführliche Rezension wird demnächst folgen. Heute wollte ich euch an etwas anderem aus dem Leben der Charlotte Roche teilhaben lassen. Eine Produktion von ihr, die es zwar nicht bis ins Fernsehen geschafft hat, aber meiner Ansicht nach trotzdem sehenswert ist. Ich selber weiß noch nicht genau, ob ich diese Kinder spielenden Erwachsenen lustig oder traurig finden soll. Auf jeden Fall ein interessantes Format. Von Tabus haben wir uns ja sowieso schon lange abgewöhnt…
Ich weiß nicht warum, aber irgendwie erinnert mich dieses Spiel an Natalies Frage-Antwort-Spiele… Wahrheit oder Pflicht!
Auf einem anderen blog, habe ich einen lustigen Test gefunden. Falls ihr ihn macht, stellt doch eure Ergebnisse hier herein, sie würden mich auf jeden Fall interessieren. Und um den Anfang zu machen, dies wären die meinigen:
Er hatte viel Zeit und er hatte viel mit seiner Zeit getan, er war soweit gekommen, dass viele ihm ein gewisses Talent zuschreiben würden. Einige seiner Freunde hatten sogar geglaubt, dass er vielleicht einmal etwas Bedeutendes schaffen würde.
Er erhielt viel Zuspruch und man unentschuldigte leicht seine Unzugänglichkeit. Man gewährte ihm einen großen Kredit und er hatte lange geglaubt, er würde ihn zurückzahlen können. Aber nun saß er vor dem eingestaubten Klavier, dass er Wochen nicht mehr berührt hatte. Und er saß vor dem Klavier und wusste, er würde etwas spielen können, ein Stück und es würde sich gut anhören. Er müsste sich vielleicht nur in eine Stimmung hineinsteigern. Er würde nur ein Stichwort und einen Anhaltspunkt brauchen und er könnte loslegen.
Er fühlte sich zu etwas berufen und deswegen hatte er seine Fehler immer leicht entschuldigt und er hatte Kredit verlangt, ohne sich schuldig zu fühlen. Aber er saß vor dem stummen Klavier und er wusste, dass all das was er spielen könnte nur eine Lüge wäre, denn er hatte nichts zu sagen. Er hatte keine echten Gefühle und es gab nichts, was er sagen wollte.
Die Stille lastete auf seinem Zimmer, alles wartete und auch seinen Mitbewohnern war die Stille aufgefallen, die aus seinem Zimmer drang und alles betäubte. Er müsste nur einen Ton anschlagen und er wäre entschuldigt, er wäre weiter der, von dem noch etwas zu erwarten war. Man würde ihm weiter Kredit gewähren, für etwas, was er vielleicht einmal in Zukunft leisten würde. Aber er glaubte an keine Zukunft mehr. Er fühlte sich berufen, aber er kannte keine Botschaft, die er anderen hätte mitteilen können. Und all das was er je geschaffen hatte, war ebenfalls keine Botschaft gewesen, sondern immer nur Vorbereitung, auf die Botschaft, die bei ihm nie eingetroffen war.
Er hatte lange an sich geglaubt und war einen Weg durchs Gestrüpp gegangen, obwohl es einen geteerten Weg nebenan gegeben hatte, man hatte ihn belächelt, und dieses Lächeln hatte er nur als Herausforderung betrachtet. Und wenn er gefragt worden war, warum er es sich denn nicht leichter machte, dann hatte er von einen numinösen Schatz gesprochen, der da vielleicht ihm Gestrüpp versteckt lag und dass man sich trauen müsste ihn zu finden, dass gegen den Schatz, dieser Taube auf den Dach, die Behaglichkeit ein stummes Nichts, eine überfressene Zufriedenheit wäre mit der er sich niemals würde zufrieden geben wollen. Man hatte ihm abgeraten von dem Weg und ihm gute Ratschläge geben wollen, die er ausgeschlagen hatte und nichts hielt er jetzt in den Händen, hatte von einer Illusion gesprochen, die er nicht würde verwirklichen können, er hatte von einer Seifenblase gesprochen, schillernd in den Farben der Einbildung und sie war geplatzt, hatte nichts zurückgelassen. Er wusste, dass wenn er ehrlich wäre, dass er dann zurückgehen müsste, den anderen, den betonierten Weg würde wählen müssen, aber er war zu stolz dazu. Und nur die scharlachroten Mohnblumen erzählten noch von einem süßen Schlaf, einer anderen Möglichkeit, voll des Vergessens.
Er war schon gescheitert, aber sein Scheitern war ohne Glanz geblieben. Er war zu stur, sich eine Aufgabe zu suchen, die verwirklichbar wäre. Vielleicht auch zu faul und zu feige, er hatte etwas Großes gewollt und das Kleine nur mit überheblicher Verachtung betrachtet. Wäre er ehrlich, würde er umkehren und das Kleine wählen, aber das konnte er nicht, das Kleine, das vielleicht nie das Kleine gewesen war, dass hatte er solange durch den Staub und den Dreck gezogen, dass er jetzt lieber die Mohnblumen wählen würde, als seine Worte und großen Gesten zu revidieren. Das stumme Klavier grinste ihn höhnisch an. Gerne, so gerne, hätte er es kaputt gemacht, aber er konnte nicht, konnte sein Versagen nicht besiegeln, wollte sich immer noch einreden, dass es weitergehen könnte, wollte so gerne hören, dass dies nur eine Phase war, dass die Botschaft noch eintreffen würde.
Er saß vor dem Klavier und wartete, er der Unberufene, auf eine Botschaft, die nie an ihn adressiert worden war.
Ein Stamm. Zusammenwohnend und zusammengewachsen durch die gemeinsamen Erfahrungen. Man lebt. Miteinander? Oder nur aneinander vorbei?
Ein Flugzeugunglück. Einer überlebt. Dieser auf der Suche nach Hilfe, nach Brüdern und Schwestern seinesgleichen. Erfolgreich auf seiner Suche stößt er auf den Stamm. Die Stammesmitglieder empfangen ihn sehr offenherzig, sind davon angetan endlich einmal neues Leben in der Herde zu sehen. Er, der Überlebende, integriert sich in die große Runde. So lebt er, passt sich den besagten Menschen an und folgt Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ihren Gesprächen. Er vergisst alles um sich herum, längst verdrängt, aus welchem Glück oder auch Unglück er zu dem Stamm gestoßen ist. Doch der Zeitpunkt naht, da er sich plötzlich die Frage stellt, wer er überhaupt ist? Ein gewaltiger Blitz schlägt in sein Herz ein, als er sich über diese Situation im Klaren wird. Er hatte sich hier verloren, ist hinzu gestoßen, doch er war keiner von ihnen. Ihm wurde bewusst, dass er vieles von ihnen wusste und er ihnen eigentlich fremd erscheinen musste. Wie nur kam es, dass sie ihn nicht erkundeten? Vielleicht, weil sie eine andere Sprache sprachen? Dies ist anzuzweifeln, jedoch zu bedenken!
Die Vorstellung ist heute schon vorbei, aber der Clown mag nicht von der Bühne gehen und sich die Schminke abwischen, er will sich selbst nicht im Spiegel sehen und sein verlorenes Grinsen. Es hat auch niemand Applaus gespendet, denn niemand hat bemerkt, dass eine Vorstellung lief, die Besucherbänke sind fast leer geblieben und diejenigen, die gekommen sind, haben sich miteinander unterhalten.
Um erfüllende Tage zu erleben,
man erfüllende Momente erleben muss,
die einen für ein erfüllendes Leben stärken
und nicht mit Unzufriedenheit überfüllen.
Dem heutigen Tag gebührt nach den diesnachts abgelaufenen Primaries ein wenig Politik. Aber nicht auf die Art wie es sonst zelebriert wird. Ganz anders. Ohne jegliche Diplomatie.
Und da fallen mir zwei deutsche Edel-Kabarettisten ein. Zum einen Volker Pispers und zum anderen Hagen Rether. Beide sind öfters als Gäste im ARD-Politkabarett “Scheibenwischer” und im ZDF bei “Neues aus der Anstalt” zu bestaunen. Um sich davon direkt ein Bild machen zu können, habe ich meinen guten Freund Youtube nach Bildmaterial gefragt. Und prompt.
Du brauchst dir keine Sorgen machen, du wirst es schaffen, dass haben dir sicherlich schon immer alle gesagt. Du wirst schon gewinnen, so wie du alles schaffen kannst, wenn du es nur versuchst. Du hast deine Tränen umsonst geweint, ach wenn du es geschafft hättest, zu weinen, wegen der Vergeblichkeit deines Versagens.
Wie schon der alte Lenin vor einem knappen Jahrhundert sagte: „Wichtig ist, wer zählt, nicht wer wählt…“. Nichts weiter Neues bis an den heutigen Tag. Jedoch zieht ein neuer, alter Rauch auf. Still und leise. In aller Ruhe. Ganz mit Bedacht und ohne Hast. Der Russe kommt! Sicheren Schrittes.
Im Westen nichts Neues. Aber im Osten! Nicht nur der Chinese mit seiner aufmarschierenden Ameisenkolonie an Wanderarbeitern ist es. Auch nicht der friedliebende Inder allein. Westwärts zieht ein kalter, sibirischer Wind durch die zerbrochenen Scheiben und pfeift scheinbar auf alles. Und das mit voller Kraft. Ivan der Schreckliche mit seinen nicht minder schrecklichen Mannen ist auferstanden! Ja, die Geschichte zeigt sich abermals als eine billige Hure. Sie verkauft ihr Gesicht an das Böse, verhüllt es stets in neue schwarze Schleier und verrät sich selbst von Heute auf Morgen.
So lautet der öffentliche Tenor. Die Welt schreit zum leeren Himmel und das zurückhallende Echo breitet sich mit diktatorischer Geschwindigkeit im Tal der Demokratie aus: „Vor der Tür steht der Tyrann!“. Ja, die goldenen Zeiten scheinen vorbei. Vorbei gezogen wie ein lauwarmer Frühlingswind. Eine neue Ära bricht an. Und mit ihr kommt ein beängstigender, schwarzer Berg und klopft in hartem Takt auf die morsche Holzt